Silvia berichtet heute in einem Gastbeitrag von ihrem Abenteuer Foodsharing – klingt interessant? Dann solltest du auf jeden Fall weiterlesen, Silvia erzählt auf ihre witzige und charmante Art von ihren Erfahrungen und erklärt, wie Lebensmittelverschwendung in Deutschland eigentlich aussieht.

 

 

„Ich bin jetzt Foodsaver!“ – „Du bist was? Krabbelst Du jetzt auch noch in Containern rum? Du wirst auch immer verrückter…“

Eigentlich hatte ich genau mit solchen Gesprächen gerechnet, wenn ich meinen Freunden und Bekannten erzähle, welchen nächsten Schritt ich in Richtung „Silvias Leben wird nachhaltig“ mache. Doch entgegen meinem eigentlich guten Gespür für meine Mitmenschen habe ich mich in diesem Fall doch ordentlich verschätzt.

Es herrscht reges Interesse und Zuspruch. Mir wird mit Offenheit begegnet und ich habe das Gefühl, dort ein Thema angestoßen zu haben, mit dem sich schon viele Menschen beschäftigt haben und das viele bewegt, ja gar ärgert.

Moment… Merke ich da jetzt gerade, dass Du als geneigter Leser gar nicht weißt, wovon ich spreche? Foodsaver… Foodsharing? Keinen blassen Schimmer, sondern nur die Fähigkeit, die Begriffe ins Deutsche zu übersetzen? Ja ja… So ging es mir auch und wenn ich davon erzähle, schaut mich mein Gegenüber auch oft mit großen Augen an…

 

Also…

 

Foodsharing… Was ist die Idee?

Die Idee ist, Lebensmittel zu teilen anstatt diese wegzuwerfen. Foodsharing findet ja innerhalb der Familie und des Bekannten- und Freundeskreises ganz oft schon unbewusst statt. Mama kocht viel Eintopf und packt dann alles schön ein und verteilt es auf die Kinder, die nach dem Besuch in diversen Behältnissen die Verpflegung für die nächste Woche mit nach Hause nehmen. Oder nach einer Party wird am Ende des Abends alles so verteilt, dass jeder eine überschaubare Menge an Köstlichkeiten mitnimmt, damit nichts weggeschmissen werden muss. Foodsharing im Kleinen. Aber eben auch genau mit dem Ziel: Nichts wegschmeißen zu müssen.

Und genau das ist es, was mich bewegt hat, mal genauer hinzuschauen. Es ärgert mich in meinem Haushalt schon, wenn ich etwas wegschmeißen muss. Das passiert extrem selten, ist für mich aber dann schon eine mittlere Katastrophe (ja, ja, ich neige in einigen Lebenssituationen zum Drama…).

Als ich den Film „Taste the Waste“ gesehen hatte, war ich nur noch geschockt. Nach Foodsharing.de werden jährlich von 4 Milliarden Tonnen Lebensmittel 1 Milliarden Tonnen Lebensmittel verschwendet – also entsorgt. 2/3 davon wären noch genießbar gewesen. Das muss man sich wirklich einfach bildlich vorstellen. Man darf gar nicht darüber nachdenken, dass Menschen auf dieser Welt verhungern…

Für mich war dann sehr schnell klar, dass ich über mein kleines Foodsharing in der Familie und im Umfeld hinaus gerne noch mehr machen will. Ich will also die Welt… ja, das auch, aber eigentlich jetzt erstmal Lebensmittel retten.

Der Gedanke war gefasst. Ich habe mir bei Facebook eine Gruppe gesucht, die Foodsharing in meiner Heimatstadt Hagen betreibt. Und dann… passierte nichts. Wie es so ist. In der Gruppe war nur wenig Aktivität und ich habe mich still geärgert, dass weiterhin Lebensmittel verschwendet werden. Eine aktive Lebensmittelrettercommunity in Hagen – Fehlanzeige. Selbst den Anstoß geben und die Sache in die Hand nehmen – da gibt es so viele Gründe, warum der innere Saboteur und die äußeren Umstände… Ihr wisst schon.

 

Und plötzlich taucht er auf… Der Aufruf von zwei Damen, die den inneren Saboteur überwunden haben und zu einer aktiven Foodsharing-Community in Hagen aufrufen. Jetzt gab es natürlich kein Halten mehr! Den Button „Zusagen“ hatte ich bei Facebook schneller gedrückt als ein Veganer im Normalfall gefragt wird, was er denn eigentlich noch essen kann… Ich sah mich also schon kurzum mit einem farbigen Cape über einem hautengen Anzug mit einem F auf der Brust zum nächsten Biomarkt rennen und Lebensmittel in Gefahr retten! Aus dem Weg *Arm.nach.vorne.gestreckt* Foodsaver Silvia kommt! Nehmt Euch hier ruhig die Zeit, um das bildlich einmal auf Euch wirken zu lassen. Ihr müsstet mich kennen, um zu wissen, dass mir so was durchaus zuzutrauen ist!

Zurück zum Thema. Wir haben uns dann in einer Gruppe von 15!!! Menschen getroffen, die alle ein Ziel haben: Lebensmittel retten und gegen die Verschwendung kämpfen. Eine wunderbare Zusammenkunft von zauberhaften Menschen, die Chemie stimmte sofort. Wir wollen etwas bewegen. Synergien, die man sich vor dem Treffen nicht erträumt hätte, kamen zusammen. Da geht einiges!

 

Lebensmittel retten… Aber wie?

Und dann kam der Zeitpunkt, an dem ich gedanklich mein Cape zunächst einmal wieder ablegte. Denn so einfach, wie ich mir das vorgestellt hatte, geht es – und ich sage an dieser Stelle wirklich ZUM GLÜCK – nicht. Foodsharing.de hat sich zur Organisation sehr genaue Gedanken gemacht. Nicht jeder kann einfach (mit oder ohne Cape) zum nächsten Lebensmittelhändler oder Restaurant laufen und unter dem Namen von Foodsharing.de mal Lebensmittel abholen und mal nicht. Um Lebensmittel in ihrem Namen zu retten, muss man zunächst einmal zum Foodsaver werden. Man muss sich das F auf dem hautengen Anzug also zunächst einmal erarbeiten.

 

Foodsaver werden… Wie mache ich das denn?

Als ich von unserem ersten Treffen nach Hause kam, habe ich mich an den PC gesetzt und die Seite von foodsharing.de aufgerufen. Kurzum habe ich mich registriert und wurde dann zu einem Quiz weitergeführt, welches man nach dem Lesen des entsprechenden Wikis sehr problemlos bestehen kann. Erste Hürde ohne Einsatz von großem Aufwand genommen! Der zweite Schritt, um Foodsaver zu werden, bringt den Foodsaver in Ausbildung sofort mitten ins Geschehen. Drei Termine mit aktiven Foodsavern als Trainee sind zu absolvieren.

Ich war so im Flow, dass ich sofort in der Nachbarstadt Witten drei Termine auf dem Wochenmarkt gebucht habe. Es sollte ja schnellstmöglich losgehen…

 

Mein erster Termin als Foodsaver-Trainee oder auch: Die Erkenntnis, hier genau das Richtige in Angriff genommen zu haben.

Er kam näher… mein erster Termin als Trainee. Am vereinbarten Treffpunkt erkannte ich sofort die beiden Profis. Mit leeren Taschen, Rucksäcken und einer Sackkarre ausgestattet starteten wir unauffällig zum Stand auf dem Wochenmarkt, der eine entsprechende Vereinbarung zur Abholung getroffen hat. Auf der Rückseite des Standes stand schon das Obst und Gemüse bereit, welches nicht mehr verkauft werden kann, da es nicht mehr der „Norm“ entspricht, hier und da vielleicht schon etwas welk oder schrumpelig war. Und während wir einpackten, kam immer noch mehr dazu, was alles nicht mehr verkauft werden könnte. Nicht, dass wir uns an dieser Stelle falsch verstehen. Ich berichte hier gerade von einem Stand auf einem kleinen Wochenmarkt an einem Tag! Als wir alles verstaut hatten, wussten wir zu viert kaum, wie wir diese ganzen Lebensmittel zum Fairteiler, einem Fahrradanhänger in Witten (Steinstraße), verbringen sollten. Ich vermisste meinen Anzug, mein Cape und meine Superkräfte… Wir schafften es. Der Weg ist eigentlich recht kurz, doch am Fairteiler angekommen, ähnelten meine Arme gefühlsmäßig denen einer Schimpansenbraut.

 

Fairteiler? Oder auch: Wohin mit den vielen Lebensmitteln?

Der Gedanke von Foodsharing ist in erster Linie, die Lebensmittel zu retten, die nicht mehr verkauft werden können oder dürfen. Weil sie nicht mehr unserem Frischestandard entsprechen. Also z. B. weil eine Banane nicht mehr grün oder gelb ist sondern schon ein paar braune Stellen hat. Oder aber auch, weil das Mindesthaltbarkeitsdatum bald erreicht wird oder schon überschritten wurde. Als Foodsaver nimmt man dann zunächst Lebensmittel, die man selbst verbrauchen oder an Freunde weitergeben möchte. Der Rest wird in einen Fairteiler gegeben. In Witten, in diesem Fall in den „Leckeren Lothar“, dem schon erwähnten Fahrradanhänger. An dem Tag meiner ersten Abholung standen bereits nach kurzer Zeit ca. 10 Menschen um den „Leckeren Lothar“ und konnten es kaum abwarten, die Lebensmittel mit nach Hause zu nehmen. Es waren Menschen dabei, die auch von dem Gedanken des Lebensmittelrettens überzeugt und begeistert sind. Menschen, die sich Obst und Gemüse sonst nicht leisten können und auch Passanten, die einfach zufällig vorbei kamen und sich über eine Zucchini, einen Salat oder Bananen gefreut haben.

 

Nach dem ersten Besuch… Schockstarre, Bestürzung, Gefühlschaos

Nach dem Besuch zu Hause angekommen habe ich im Rahmen des Foodsharings zunächst meine Mutter mit Obst und Gemüse versorgt und die für mich geretteten Lebensmittel im Kühlschrank verstaut. Und dann saß ich auf meiner Couch und fühlte die pure Bestürzung. Bestürzung und Schockstarre, welche Mengen an Lebensmitteln wir mit einem Besuch gerettet haben, die ansonsten einfach in die Tonne gewandert wären. Die keine Tafel und keine gemeinnützige Organisation mehr genommen hätte, weil die strengen Vorschriften in Deutschland dies verbieten. Für mich war es ein Wocheneinkauf an Obst und Gemüse. Und geschätzt für weitere 15 Familien auch. Eine Dimension, die man sich auf einen großen Discounter übertragen, kaum noch vorstellen kann. Ich schwankte zwischen diesen Gefühlen und auch der Freude, für viele bedürftige Menschen mehrere Mahlzeiten organisiert, ökologisch einen Beitrag geleistet und im Sinne der Nachhaltigkeit gehandelt zu haben. Gefühlschaos pur.

 

Meine drei Begleitbesuche sind inzwischen geschafft. Ich bin nun offizieller Foodsaver und werde zunächst weiter in Witten Lebensmittel retten bis in Hagen die Community aufgebaut ist. Daneben habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, auf dieses Thema aufmerksam zu machen und Menschen dafür zu sensibilisieren. Jedes Lebensmittel, das nicht weggeworfen wird, ist wertvoll. Und man darf sich jedes Mal ein kleines F an die Brust heften.

In diese Sinne… schaut mal auf Foodsharing.de vorbei. Vielleicht treffen wir uns mal am „Leckeren Lothar“ in Witten oder bald in Hagen.

Eure Silvia

 

 

Ganz herzlichen Dank liebe Silvia für diese wundervolle Story und dass du deine Erfahrungen und dein Foodsaver-Abenteuer mit uns teilst <3 es hat uns wirklich Spaß gemacht von deinen Erfahrungen zu lesen und hoffen, dass wir das Thema so in der Welt (oder auch auf Vairnana) verbreiten und Bewusstsein schaffen können. Wir freuen uns sehr bald noch mehr von dir lesen zu dürfen 🙂

Euer Vairnana Team

 

P.S.: Euch gefällt der Artikel? Gerne könnt ihr ihn auch teilen – sharing is caring 😉 

 

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